Moderne Hypnose bei somatoformen Störungen – von Erwartungen, konstruierten Emotionen und Predictive Processing
Beschwerden erzeugen negative Erwartungen, negative Erwartungen erzeugen Beschwerden (Hausteiner-Wiehle & Henningsen 2025).
Etwa 80% der Bevölkerung in den Industrienationen bemerken pro Woche mindestens eine körperliche Beschwerde. Häufig sind diese funktioneller Natur. Patient:innen mit somatoformen Störungen (ICD 10) oder somatischen Belastungsstörungen (ICD-11), wie chronischen Schmerzen, Tinnitus, Schwindel, wechselnden körperlichen Beschwerden, funktionellen Störungen von Herz-Kreislauf-, Verdauungs-, Atmungs-, Urogenitalsystem machen oft die leidvolle Erfahrung, dass rein somatische, biomedizinische Behandlungsansätze mit erheblichen Nebenwirkungen oder persönlichem Aufwand verbunden sind und nicht den gewünschten Erfolg bringen und, dass sie sich oft als somatisch „nicht therapierbar" bzw. als „psychosomatisch" ins Abseits abgeschoben fühlen.
Zu den Diagnosekriterien einer somatoformen Störung nach ICD 10 heißt es: Hartnäckige Forderungen nach medizinischen Untersuchungen trotz wiederholter unauffälliger Ergebnisse und der ärztlichen Versicherung, dass die Symptome nicht körperlich begründet sind, sowie Widerstand gegen Versuche, die Möglichkeit einer psychischen Ursache zu diskutieren. Bei der somatischen Belastungsstörung nach ICD-11 treten psychokognitive Aspekte wie Belastung, Hilfegesuch und übermäßige Fokussierung auf die Symptome in den Vordergrund. Körpersymptome, die durch einen anderen Gesundheitszustand (mit-)verursacht werden, jedoch nicht das Ausmaß der Aufmerksamkeit im Verhältnis zur Art und Entwicklung der Symptome erklären, werden mitberücksichtigt.
Zu selten wird nach den guten Gründen der Patient:innen für hohe Maß an Aufmerksamkeit auf Beschwerden und die Forderung nach medizinischen Untersuchungen gefragt. Hier liegen allerdings oft verdeckte Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen, die es gilt in die Behandlung mit einzubeziehen.
Die geschilderte Situation führt zu Frustrationen, Enttäuschung und negativen Beschwerde- und Behandlungserwartungen. In dieser Situation sind Behandlungen mit erhöhten Komplikationstraten verbunden.
Aktuell geht die Forschung der Frage nach, wie durch die positive Modulation der Patient:innen-Erwartung die Behandlungsergebnisse verbessert werden können.
Auf der Basis der Erkenntnisse der Erwartungsforschung sowie aktueller neurophysiologischer Modellvorstellungen wie Predictive Processing („Gehirn als Vorhersage-Maschine") wird im Workshop praktisch erfahrbar, wie sich im Rahmen der medizinischen Hypnose negative Erwartungen relativieren, ggf. falsifizieren und positive Erwartungen in Hinblick auf seelische Grundbedürfnisse optimieren lassen.
Der Workshop richtet sich an Ärzte, Therapeuten und Berater, die ihr methodisches Repertoire mit der Medizinischen Hypnose im Sinne einer Erwartungsfokussierten Therapie für Patient:innen mit somatoformen Störungen erweitern wollen.
Inhalte und Ziele:
Hypnose-Strategien zum Aufbau positiver Behandlungserwartungen
Elizitation und Utilisation von Symptom-/Problemtrance-Elementen
Ideomotorische Hypnose-Techniken
Arbeit mit Submodalitäten, Metaphern, Zeit- und Zustandsräumen
Lehrformen:
Theorie-Inputs, Demonstrationen, Partner- und Gruppenübungen
Literatur:
Hausteiner-Wiehle C, Henningsen P (2025) Erwartung als ein Schlüsselprinzip funktioneller
Körperbeschwerden: Bestandsaufnahme und klinische Ansatzpunkte Psychother Psych Med; 75: 280–287
Ross UH (2024) Der Tinnitus ist nicht das Problem. Gut leben mit moderner Hypnose. Fachbuch für Jede:n. Carl-Auer, Heidelberg